Das „1,5-Grad-Ziel“

Neues vom Weltklimarat: Anfang des Monats hat das wissenschaftliche Gremium einen Bericht vorgestellt, der zusammenfasst, was eine globale Erwärmung um 1,5 Grad für den Planeten bedeutet – und wie wir dieses Ziel erreichen können. Denn so viel ist klar: Weniger bietet keiner.

Eine kurze Geschichte des Zwei-Grad-Ziels

Noch vor wenigen Jahren sprach man nicht davon, die Erderwärmung auf ambitionierte 1,5 Grad zu begrenzen, sondern auf zwei Grad. Das klingt alles danach, dass hier jemand mit Zahlen jongliert – 1,5; 2, ist das nicht alles ziemlich willkürlich?

Ist es. Der Wirtschaftswissenschaftler William D. Nordhaus zeigte 1977 in einer Fachveröffentlichung eine Grafik, in der die vorhergesagte Temperatur auf der Erde bis zum Jahr 2080 dargestellt ist. Um dem Leser zu helfen, diesen Temperaturanstieg einzuordnen, zeichnete er eine Linie bei zwei Grad ein: Die maximale Temperaturerhöhung, die es nach damaligem Wissen in den vergangenen 100,000 Jahren gab. Dass diese Linie die Diskussion um den Klimawandel für Jahrzehnte bestimmen würde, hatte Nordhaus vermutlich nicht beabsichtigt.

In den politischen Prozess gerieten die zwei Grad durch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU), der dem Kind zwar noch keinen Namen gab, jedoch eine Rechtfertigung: Die Schöpfung, wie wir sie aus unserer Erdepoche kennen, solle bewahrt werden. 1996 setzte sich der Europäische Rat offiziell zum Ziel, dass die durchschnittliche Erdtemperatur um maximal zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert steigen solle. Auf der Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 erhielt das Zwei-Grad-Ziel Einzug in die unverbindliche Übereinkunft, auf die sich die Vertragspartner am Ende des Gipfels einigten. Ein Jahr später, in Cancun, wurde es dann offiziell anerkannt – und auch schon gleich kritisiert.

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Vom Zwei-Grad-Ziel zum 1,5-Grad-Ziel

Vor allem Inselstaaten wie Kiribati fanden: Die Erwärmung auf zwei Grad begrenzen zu wollen, ist lange nicht ambitioniert genug. Klar: Solche Inselstaaten sind vom steigenden Meeresspiegel besonders bedroht. Im Klimaabkommen von Paris heißt es deshalb, die Erwärmung solle auf deutlich unter zwei Grad gegenüber vorindustriellen Werten begrenzt werden. Es sollten Anstrengungen unternommen werden, sie gar unter 1,5 Grad zu halten: Etwas, das man das 1,5-Grad-Ziel nennen könnte, war geboren.

Doch irgendwie fühlt sich das 1,5-Grad-Ziel seltsam an, und das nicht nur, weil es sich nicht so schön schreiben lässt wie Zwei-Grad-Ziel. Woran liegt das? Ich glaube, wenn man das Zwei-Grad-Ziel so interpretiert wie Carlo und Julia Jaeger in einem Artikel von 2011, kommt man der Sache näher. Die beiden Autoren behelfen sich mit einem Konzept aus der Spieltheorie: Dem fokalen Punkt (focal point). Bei einem strategischen Spiel, wo sich Teilnehmer ohne zu kommunizieren einigen müssen, entscheiden sie sich für die Lösung, die ihnen am natürlichsten oder offensichtlichsten vorkommt. Jaeger und Jaeger vergleichen das mit dem Beispiel Tempolimit: Klar kann man fragen, warum das Tempolimit 50 und nicht 47 oder 53 ist – es ist eben so, weil es allen am logischsten vorkommt. So ist das auch mit dem Zwei-Grad-Ziel: Es gibt uns eine Perspektive, ein Ziel vor, das wir uns vor Augen halten können, und irgendwie klingt es besser als 1,9-Grad-Ziel oder auch als 2,2-Grad-Ziel. Es ist also müßig, über die genaue Zahl zu streiten, es geht hier mehr um die Motivation, die sie erzeugt.

Andererseits muss so ein Ziel natürlich auch sinnvoll sein: Ein Tempolimit von 100 erfüllt nicht die gleichen Aufgaben wie ein Tempolimit von 50. Und leider scheint das Zwei-Grad-Ziel eben auch nicht die gleichen Bedürfnisse abzudecken wie das 1,5-Grad-Ziel. Laut dem jüngst erschienenen Sonderbericht des Weltklimarates sind alle mit dem Klimawandel verbundenen Risiken – z.B. Überschwemmungen, Dürren, Meeresspiegelanstieg, Nahrungsmittelknappheit – bei einer Erwärmung von zwei Grad größer als bei einer Erwärmung von 1,5 Grad. So zungenbrecherisch es auch klingen mag: Das 1,5-Grad-Ziel ist das bessere Ziel. Ist es auch realistisch?

Was ist nötig, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen?

Die gute Nachricht ist: Laut Weltklimarat ist es unwahrscheinlich, dass die Emissionen der Vergangenheit bis heute zu einer Erwärmung von 1,5 Grad führen. Die schlechte Nachricht: Wollen wir verhindern, dass sich die Erde um mehr als 1,5 Grad erwärmt, müssen wir unseren Lebensstil jetzt komplett umkrempeln – denn ein Grad wärmer als vor der Industrialisierung ist es bereits, und Veränderungen auf dem Planeten sind bereits spürbar. Das bestätigt auch der Sonderbericht.

In Zahlen liest sich der Schlachtplan des Weltklimarates so: Die globalen CO2-Emissionen müssen bis 2030 um 45 Prozent im Vergleich zu 2010 sinken (momentan stagnieren sie auf hohem Niveau). 2050 darf es netto keine CO2-Emissionen mehr geben. Klingt wie ein schöner Traum?

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In der Zusammenfassung des WBGU-Gutachtens von 1995 heißt es: „Die Fortsetzung der gegenwärtigen Emissionspraxis (Business as Usual) würde uns zwar noch ca. 25 Jahre Zeit geben, dann aber innerhalb weniger Jahre einen solch drastischen Minderungszwang erfordern, daß kaum Strukturen und Technologien vorstellbar sind, die diese Minderung erbringen könnten.“ 23 dieser 25 Jahre sind schon verstrichen, und die Emissionen sind nicht zurückgegangen. Jetzt stehen wir vor diesem beschworenen drastischen Minderungszwang wie der Ochs vorm Berg und fragen uns, wo wir die Strukturen und Technologien herzaubern sollen, die den gewünschten Wandel bringen. Wohlgemerkt, das Statement des WBGU bezog sich auf das Zwei-Grad-Ziel, das wir doch unterbieten sollen.

Laut Weltklimarat könnte es folgendermaßen funktionieren: Bis 2050 müssen erneuerbare Energien 70 bis 85 Prozent des Energiebedarfs decken (momentan sind es ca. 25 Prozent). Wo Energie durch fossile Brennstoffe gewonnen wird, müsste das entstehende CO2 in großtechnischen Anlagen abgeschieden und unterirdisch gespeichert werden. So könnten wir zumindest Gas weiter nutzen, mit Kohle müsste Schluss sein. Und: Ganz ohne Geoengineering wird es nicht gehen. Die Möglichkeiten solchen technologischen Eingriffs in den Kohlenstoffkreislauf reichen von der Wiederaufforstung von Wäldern bis hin zu weniger gut untersuchten Methoden wie der Ozeandüngung, deren Nebenwirkungen wir nur erahnen können. Geoengineering wirft seine eigenen ethischen Fragen auf, aber jetzt steht es im Raum. So weit ist es also gekommen, dass die reine Begrenzung des CO2-Ausstoßes nicht mehr reicht, um die Erwärmung unter 1,5 Grad zu halten.

 

Outreach-Möglichkeiten für Wissenschaftler in Bremen

Diese Woche habe ich beim „Postdoc-Forum“ an der Uni Bremen zum Thema Wissenschaftkommunikation mitdiskutiert. Leider kam meiner Ansicht nach eine wichtige Sache zu kurz. Ich hätte dort gern mehr Ideen gesammelt, was ein einzelner Postdoc oder Doktorand tun kann, um seine Forschung mit der breiten Öffentlichkeit zu diskutieren. Je nach Fachgebiet und persönlichen Vorlieben dürften unterschiedliche Möglichkeiten interessant sein. Hier ein paar Ideen außerhalb von Social Media & Co. Die Liste beansprucht natürlich keine Vollständigkeit, hinterlasst gerne weitere Vorschläge als Kommentar!

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Wissen um 11

Wissen um 11 gibt Wissenschaftlern die Gelegenheit, samstagsvormittags 30 Minuten lang vor einem interessierten Publikum im Haus der Wissenschaft zu sprechen. Auch der Weser Kurier ist oft vor Ort. Vorteil: Bei so einem Vortrag bekommt man sofort Feedback, man merkt, was die Leute interessiert, was sie wichtig finden und was nicht – und welche Themen ihnen sonst noch auf der Seele brennen. Infos und Kontakt hier.

Maritime Woche

Auch bei der Maritimen Woche an der Weser gibt es die Möglichkeit, Vorträge zu halten. Außerdem präsentieren sich verschiedene Institute auf der Forschungsmeile entlang der Weser – vielleicht auch deines? Die Maritime Woche findet immer im September statt, ist also gerade vorbei. Es lohnt sich aber, sich diesen Termin fürs nächste Jahr schon mal vorzumerken. Infos hier.

Science goes PUBlic

Bei diesem Format treffen Wissenschaftler bei einem kalten Getränk in einer Kneipe auf Interessierte und haben die Gelegenheit, ihre Forschung in lockerer Runde allgemeinverständlich zu präsentieren – ob als Vortrag oder Experiment, vieles ist erlaubt. Infos und Kontakt hier.

Science Slam

Für die geborenen Entertainer unter den Wissenschaftlern dürfte der Science Slam eine interessante Möglichkeit sein, die eigene Forschung unters Volk zu bringen. Dafür hat man beim Science Slam gerade mal 10 Minuten Zeit. Hilfsmittel sind erlaubt. Man tritt gegen andere Wissenschaftler an, und am Ende des Abends wählt das Publikum den Sieger. Hauptkriterium dabei ist, wie unterhaltsam der Vortrag war. Infos und Termine für Bremen gibt es hier.

Vortrag im Übersee-Museum

Auch im Übersee-Museum am Bremer Hauptbahnhof gibt es regelmäßig Vorträge für Kinder und Erwachsene. Häufig sprechen hier die Wissenschaftler und Experten des Museums selbst, aber auch Externe haben die Gelegenheit dazu. Einfach mal nachfragen! Hier geht’s zur Wissensreise für Kinder.

MS Wissenschaft

Die MS Wissenschaft ist ein Schiff, das mit einer Ausstellung an Bord an verschiedenen deutschen und österreichischen Häfen anlegt. 2019 geht es um Künstliche Intelligenz. Wer in dem Bereich arbeitet, kann sich jetzt noch mit einem Exponat bewerben. Infos hier.

Kurzgeschichten

Für Meeres- und Klimaforscher, die Lust haben, sich mal literarisch auszuprobieren, ist das Projekt „Es war einmal… Wissenschaftliche Kurzgeschichten“ die richtige Adresse. Mehr Infos dazu in meinem kürzlich erschienenen Blog-Artikel und den verlinkten Seiten. Wer mitmachen will, muss übrigens nicht unbedingt selbst eine Kurzgeschichte schreiben – auch rund um das Projekt gibt es viele Möglichkeiten zu helfen, z.B. durch Korrekturlesen, Illustrationen, Pflege der sozialen Netzwerke, Hilfe bei Veranstaltungen…

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Klaus-Tschira-Preis

Wer 2017 in Biologie, Chemie, Physik, Geowissenschaften, Mathematik oder Neurowissenschaften promoviert hat, kann sich überlegen, beim Klaus-Tschira-Preis mitzumachen. Gefragt ist ein allgemeinverständlicher Artikel über die eigene Forschungsarbeit. Die besten Texte werden mit je 5000 Euro belohnt und in einer Sonderbeilage der Wochenzeitung Die Zeit veröffentlicht. Aber auch für diejenigen, die nicht zu den Siegern gehören, lohnt sich die Teilnahme: Jeder, der einen Artikel einsendet, erhält eine Einladung zu einem Workshop zum Thema Wissenschaftskommunikation. Lohnt sich also in jedem Fall! Infos hier.

Deutscher Studienpreis

Auch beim Deutschen Studienpreis geht es darum, dass frisch Promovierte die gesellschaftliche Bedeutung ihrer Forschung zunächst in einem allgemeinverständlichen Artikel darstellen. Überzeugt der Text, wird man zu einer Auswahltagung eingeladen, in der man vor den Mitbewerbern und einer Fachjury einen Vortrag hält. Dem Sieger winken 25 000 Euro, denjenigen, die es immerhin bis zur Auswahltagung geschafft haben, ein Platz in der Broschüre und eine Einladung nach Berlin zur feierlichen Verleihung des Studienpreises durch den Bundestagspräsidenten. Infos hier.

Preis für Verständliche Wissenschaft

Bei diesem Wettbewerb, den das Helmholtz-Zentrum Geesthacht ausrichtet, treten Wissenschaftler ähnlich wie beim Science Slam mit achtminütigen Kurzvorträgen gegeneinander an. Ziel ist, die eigene Forschung so verständlich und unterhaltsam wie möglich rüberzubringen. Frisch Promovierte können sich mit einem allgemeinverständlichen Text über die eigene Forschung bewerben, es winken 2500 Preisgeld. Infos hier.

 

Infos über weitere, überregionale Projekte, Ideen und Workshops gibt es zum Beispiel auf der Webseite von Wissenschaft im Dialog und auf dem Portal Wissenschaftskommunikation.de. Für Bremerhaven ist die Seite Pier der Wissenschaft interessant!

(Benutzte Bilder sind alle gemeinfrei (CC0), von Pixabay)

Autorschaft in der Forschung

Tausende Wissenschaftler veröffentlichen alle fünf Tage einen Fachartikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Das hat eine Gruppe amerikanischer Forscher herausgefunden. Ihre Studie ist kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature erschienen. Bei den meisten jungen Wissenschaftlern dürfte diese Zahl nur Kopfschütteln hervorrufen: Wie soll das bitte gehen? Eigentlich sollte die Reaktion aller anderen Wissenschaftler genauso ausfallen. Wieso, möchte ich in meinem heutigen Blogbeitrag erklären.

Vom Experiment zur Veröffentlichung

laboratory-2815641_1920Als Wissenschaftler versuchen wir, Dinge über die Welt herauszufinden. Die Ergebnisse der Wissenschaft sind – philosophisch gesprochen – wahre, gut begründete Überzeugungen. Um zu diesen Überzeugungen zu gelangen, denken wir nach, führen Experimente durch, sammeln und analysieren Daten. Danach müssen wir unsere Erkenntnisse in den Kontext bereits vorhandenen Wissens stellen und gute Argumente finden, warum wir sie für wahr und vertrauenswürdig halten. All das braucht Zeit.

Am Schluss schreiben wir die Schritte dieses Prozesses auf, sodass andere ihn nachvollziehen können, und wir suchen uns eine Fachzeitschrift, von der wir hoffen, dass sie unseren Text veröffentlicht – nach einem festgelegten Begutachtungsverfahren, das dazu dient, unsere Forschung auf Stichhaltigkeit zu prüfen.

Damit wollen wir einerseits erreichen, dass andere Zugriff auf unsere Forschungsergebnisse erhalten. Andererseits versprechen wir uns von einer Veröffentlichung auch Anerkennung. Und leider sieht die Realität so aus, dass die Anerkennung unter den Forscherkollegen mit der Zahl (und nicht der Qualität) der Veröffentlichungen steigt.

Zahl der Veröffentlichungen zählt, nicht ihre Qualität

Warum ist das so? Weil kein Mensch die Zeit hat, all die Fachartikel, die jeden Tag erscheinen, zu lesen. Laut UNESCO Science Report erscheinen im Jahr über eine Million Fachartikel – also über 3000 pro Tag. Und ihre Zahl steigt ständig an: Zwischen 2008 und 2014 um 23 Prozent. Wer soll das lesen?

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Da also keiner mehr Zeit hat, die Qualität der Forschung zu bestimmen, wird die Reputation eines Wissenschaftlers vermehrt an der nackten Zahl seiner Veröffentlichungen festgemacht (oder anhand eines berechneten Index, in den auch eingeht, wie oft eine Veröffentlichung zitiert wird oder in welcher Zeitschrift sie erschienen ist). Leider entscheidet auch bei der Begutachtung von Projektanträgen die Zahl der Veröffentlichungen mit darüber, ob ein Antrag durchgeht oder nicht. Deswegen ist es für Wissenschaftler quasi lebensnotwendig, möglichst viele Fachartikel zu veröffentlichen. Darunter leidet einerseits deren Qualität – denn Forschungsergebnisse werden künstlich aufgesplittet, um mehr Veröffentlichungen zu erzielen. Andererseits führt es dazu, dass jeder immer auf jedem Artikel Mitautor sein möchte – selbst wenn er nur ganz wenig oder auch nichts zu dem Artikel oder der dahinterstehenden Forschung beigetragen hat. Die meisten Wissenschaftler haben nach meiner Wahrnehmung keine Hemmungen, Autorschaft auch für den geringfügigsten Beitrag zu einer Studie mit größter Selbstverständlichkeit einzufordern. Die andere Seite der Medaille ist, dass manche Wissenschaftler namhafte Kollegen als Mitautoren einladen, nur um die Chancen einer Veröffentlichung zu erhöhen („Ehrenautorschaft“).

Warum ist dieses Streben nach mehr und mehr Veröffentlichungen ein Problem? Nicht nur, weil sich die Veröffentlichungspraxis selbst ad absurdum führt: Man muss eigentlich annehmen, dass man etwas veröffentlicht, das keiner lesen wird. Aber es ist auch ein Problem, weil so die Bedeutung von Autorschaft verloren geht. Denn was heißt es eigentlich, Autor einer Veröffentlichung zu sein? Und warum ist es wichtig, dass das klar ist?

Wege zu mehr Transparenz

Im Allgemeinen erkennen die meisten Forschungsinstitutionen an, dass Wissenschaftler vier Kriterien erfüllen müssen, um sich gerechtfertigterweise Autor einer Veröffentlichung zu nennen. Diese sogenannten „Vancouver-Kriterien“ hat das International Committee of Medical Journal Editors formuliert. Autoren müssen

  • einen wesentlichen Beitrag geleistet haben zur Planung oder Ausführung der Studie oder zur Datenanalyse und -interpretation,
  • den Artikel mit verfasst oder genau überarbeitet haben,
  • der Veröffentlichung zugestimmt haben,
  • Verantwortung für den Inhalt der Studie übernehmen und über sie Rechenschaft ablegen.

Das Entscheidende: Autoren müssen alle vier Kriterien erfüllen, und nicht nur eines davon. Tatsächlich ergab die oben genannte Nature-Studie, dass die wenigsten Autoren, die so schrecklich viele Artikel veröffentlichen, auch behaupten, alle vier Vancouver-Kriterien zu erfüllen.

Natürlich sind die Vancouver-Kriterien nicht der Weisheit letzter Schluss. Als Mitautor kann ich vielleicht wirklich nicht jedes Detail der Arbeit, die ein anderer Mitautor in die Studie gesteckt hat, kennen. Und wer entscheidet, ob ein Beitrag zu einer Studie wesentlich ist oder nicht? Es gibt hier sicher viele Dinge zu klären. Ein Ansatz, Autorschaft transparenter zu machen, ist der, von den Forschern eine Erklärung einzufordern, wer welchen Beitrag zur Studie geleistet hat.write-593333_1920 Einige Zeitschriften, zum Beispiel die der Copernicus-Gruppe, in der auch ich meine meisten Studien veröffentlicht habe, machen das neuerdings. Das führt allerdings dazu, dass Autoren, die nur einen geringfügigen Beitrag geleistet haben, mit dem Satz zusammengefasst werden: „Alle Autoren haben zur Diskussion der Ergebnisse beigetragen.“ Es löst also das Problem der ungerechtfertigt eingeforderten Autorschaft nicht. Trotzdem kann man so einfacher einschätzen, was und wie viel jemand zu einer Studie beigetragen hat. Es ist also ein Schritt zu mehr Transparenz.

Vielleicht liegt die Lösung aber auch auf der anderen Seite des Problems: Gutachter und Personalchefs messen die Fähigkeiten oder Eignung eines Wissenschaftlers immer noch an der Zahl seiner Veröffentlichungen. Sie brauchen mehr Zeit, um auch die Qualität der Forschung in Augenschein nehmen zu können. Gleichzeitig sollten Betreuer ihre Doktoranden oder Masterstudenten frühzeitig aufklären über die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, die auch Richtlinien zum Thema Autorschaft enthalten. Und vor allem sollten sie diese Praxis auch vorleben, statt schweigend vorauszusetzen, dass jeder Mitautor sein darf, der möchte oder dessen Name gut aussieht. Diese Veränderung ist eine, die von den erfahrenen Wissenschaftlern ausgehen muss, denn welcher Doktorand will sich schon auflehnen gegen die, von denen seine Karriere abhängt?

(Benutzte Bilder sind alle gemeinfrei (CC0), von Pixabay)

Bunte Bilder und ihre Bedeutung

IUP_Image of the Month_August2018Heute wird’s wissenschaftlich: Auf der Webseite meines Instituts ging vor Kurzem dieses Bild online, das einen wichtigen Teil meiner Arbeit zeigt. Es geht um die Frage, wie viel Kohlenstoffdioxid (CO2) aus südostasiatischen Flüssen herauskommt. Bei meiner Forschungsarbeit am Institut für Umweltphysik an der Uni Bremen habe ich viel mit dem Leibniz Zentrum für Marine Tropenforschung und der Swinburne Universität in Kuching, Malaysia, zusammengearbeitet. Bei unseren neuesten Untersuchungen haben wir den Rajang-Fluss genauer unter die Lupe genommen. Der längste Fluss Malaysias fließt durch die leider vielfach abgeholzten Regenwälder Borneos, durch Palmölplantagen und Torfgebiete. In diesen Torfgebieten steckt extrem viel Kohlenstoff, weil sie aus zersetztem Pflanzenmaterial bestehen – ähnlich wie unsere Torfe hier in Deutschland. Einerseits erwartet man, dass ein Teil dieses Kohlenstoffs in den Fluss gelangt, wo Bakterien ihn zu CO2 umwandeln. Andererseits liegen die Torfgebiete so nah an der Küste, dass der Kohlenstoff auch ziemlich schnell im Meer landet und gar nicht so viel CO2 entstehen kann. Und nach letzterem sieht auch die Situation am Rajang aus.

Die Fotos zeigen das Fischerboot, das wir in ein schwimmendes Labor umgewandelt haben, sowie Studenten und Wissenschaftler bei der Arbeit.

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Die Karte zeigt unsere Messergebnisse – einmal während der Regenzeit (oben) und einmal während der Trockenzeit (unten). Dabei stehen die Farben für die Menge an CO2, die wir an der jeweiligen Stelle gemessen haben: Rot und orange bedeuten, dass dort besonders viel CO2 vorhanden war, gelb und grün ist etwas weniger, und blau steht für niedrige CO2-Konzentrationen. In dunkelgrau sind die Torfgebiete gekennzeichnet. Man sieht: Dort, wo Torf ist, ist zunächst auch das CO2 höher, zur Küste hin wird es aber immer weniger. Letzteres ist ganz normal, denn das Ozeanwasser verdünnt das CO2 im Fluss. Doch Vorsicht: Man könnte hier denken, die Torfgebiete seien für das kurzzeitig erhöhte CO2 verantwortlich. Das kann sein, muss aber nicht. Denn so weit wie sich die Torfgebiete flussaufwärts erstrecken, so weit reicht auch die Tide. Ebbe und Flut können CO2 aus Ufergebieten in den Fluss „pumpen“. Deshalb sind vermutlich nicht nur die Torfe, sondern auch die Gezeiten wichtige Einflüsse auf das CO2 im Fluss. Insgesamt ist der Rajang eine mittelstarke Quelle von CO2, wenn man ihn mit anderen Flüssen in Südostasien vergleicht.

Die gesamte Studie habe ich bereits zu Papier gebracht. Momentan sind meine Forscherkollegen aufgerufen, sie zu begutachten und auf Stichhaltigkeit zu prüfen. Die Zeitschrift, die ich gewählt habe, macht dieses Begutachtungsverfahren öffentlich. Daher findet man meinen Artikel und die Diskussion darum bereits online.

Es war einmal…

Märchen für Nerds? Fast. „Es war einmal… Wissenschaftliche Kurzgeschichten“ (OUAT vom Englischen „Once Upon A Time“) ist das Projekt einiger junger Umweltwissenschaftler in Bremen und Umgebung, das darauf abzielt, wissenschaftliche Inhalte in ansprechend illustrierten Kurzgeschichten zu erzählen – für Kinder und Erwachsene. Das Ergebnis der ersten Runde gibt es hier kostenlos zum Herunterladen. Ein zweites Ebook ist bereits in Arbeit.