Journalismus, Literatur, Soziale Gerechtigkeit, Wissenschaftskommunikation

Neuland geschlechtergerechte Sprache

Ich hatte mich nie richtig mit dem Thema Gendern beschäftigt. Vielleicht, weil in den Agenturtexten zu wenig Platz für „…innen und …“ war. Oder vielleicht, weil ich selbst nie das Gefühl hatte, durch das generische Maskulinum benachteiligt zu werden. Als ich den Wechsel in die Wissenschaftskommunikation vollzog, musste ich mich erstmals richtig mit geschlechtergerechter Sprache auseinandersetzen. Nur wenige Wochen später entbrannte in einem meiner Nebenprojekte eine hitzige Diskussion um das Thema Gendern. Auf was für ein Wespennest bin ich da gestoßen? Ich habe mich mal ein bisschen schlau gemacht zum Thema und teile meine Rechercheergebnisse im heutigen Blogbeitrag.

Das generische Maskulinum ist diskriminierend und uneindeutig

Die deutsche Sprache ist eine schöne Sprache, aber einfach ist sie nicht. Lästig in Zeiten der Gleichberechtigung ist, dass die Trennung nach Geschlechtern unserer Grammatik gleichsam eingebrannt ist: Wir kennen Lehrerinnen und Lehrer. Will man nun eine Gruppe von Lehrkräften benennen, passiert Folgendes. Sagt man „Lehrerinnen“, dann ist klar: Das sind alles Frauen. Nennt man sie „Lehrer“, dann könnte es eine reine Männergruppe oder aber eine Gruppe mit Männern und Frauen sein. Dieses sogenannte generische Maskulinum ist also nicht nur diskriminierend, wie die feministische Sprachwissenschaft meint, sondern auch uneindeutig – und das allein wäre Grund genug, zu gendern. Im genannten Fall also zu sagen: eine Gruppe von Lehrerinnen und Lehrern.

Die Einwände dagegen folgen meist prompt: Es handle sich um Zensur, Zusammenhang zwischen Sprache und Sexismus gebe es nicht, geschlechtergerechte Sprache störe den Lesefluss. Mit letztgenannter Einstellung habe ich bislang auch kokettiert, dem Hinzufügen der weiblichen Bezeichnung scheint immer ein Hauch von Bürokratie anzuhaften und es verlängert Texte, was gerade bei kurzen Nachrichtentexten sehr lästig sein kann. Doch ich glaube zu erkennen, dass das Argument „Gendern stört den Lesefluss“ nur eine Variation des Arguments „Das haben wir immer schon so gemacht“ ist. Aber auch wer Sprache als beweglich und veränderlich wahrnimmt, und wer der Meinung ist, dass das Sprechen das Denken beeinflusst, kann sich am Gendern stören – und das aus einem sehr fortschrittlichen Grund.

Macht Gendern die Geschlechter ungleich?

Die Ungleichbehandlung von Mann und Frau beginne doch eigentlich erst, wenn man sie in der Sprache ungleich behandle, so ein Argument der Schriftstellerin Nele Pollatschek. Sie fragt weiter: Warum das Geschlecht als Kategorie zum Thema machen, andere Identitätskategorien aber nicht? Hinter den meisten Berufbezeichnungen stehe ohnehin die Vorstellung eines weißen, christlichen, heterosexuellen Mannes. Dadurch, dass wir die Kategorien Hautfarbe, Religion und sexuelle Orientierung nicht in der Sprache abbilden, das Geschlecht aber schon, machten wir uns eigentlich selbst des Sexismus schuldig, der vom Unterschied zwischen den Geschlechtern besessen ist und ihn auch in der Sprache manifestiert.

So richtig stimmig ist der Vorwurf jedoch nicht, wie Anatol Stefanowitch, Professor für Sprachwissenschaft an der FU Berlin, argumentiert: Denn die Vorstellung des weißen, christlichen, heterosexuellen Schriftstellers ist ein kulturelles Stereotyp. Dass der Schriftsteller ein Mann ist, sagt uns die Sprache aber eindeutig. „Das Geschlecht ist die einzige der von Pollatschek genannten Kategorien, die direkt in die Grammatik des Deutschen kodiert ist“, so Stefanowitsch auf Twitter.

Gendern ja, aber wie?

Also doch gendern, und wenn ja, wie? Besonders attraktiv scheint mir zu sein, zu einer neutralen Form überzugehen – zum Beispiel „Forschende“ oder „Lehrkräfte“, „Fachwissen“ (statt Expertenwissen) und „Besuchsgruppe“ (statt Besuchergruppe). Überall geht das allerdings nicht, man denke an „Ärztinnen und Ärzte“ oder eben „Schriftstellerinnen und Schriftsteller“. Vorsicht: Die Form „…innen und …“ steht in der Kritik, weil sie unterstellt, es gäbe nur männliches oder weibliches, aber kein diverses Geschlecht. Darum wurden das Gender-Sternchen und die Gender-Gap (ein Doppelpunkt oder Unterstrich) eingeführt: Lehrer*Innen bzw. Lehrer:Innen und Lehrer_Innen. Das beim Lesen richtig auszusprechen, daran muss man sich wohl noch gewöhnen. „Aber andererseits erleben wir derzeit eine in dieser Breite nie dagewesene Bereitschaft, sprachliche Traditionen zu hinterfragen“, so Stefanowitch in einem Artikel für den Tagesspiegel.

An diesem Punkt war ich eigentlich überzeugt. In Behördenschreiben, auf Webseiten, in Pressemitteilungen und Zeitungen scheint es mir angebracht, so langsam aber sicher zu einer geschlechtergerechten Sprache überzugehen – auch wenn es noch keine Norm gibt, wie genau diese auszusehen hat. Doch wie ist es in der Literatur? Tatsächlich gibt es einen Roman, der zu 100 Prozent in geschlechtergerechter Sprache verfasst ist: „Wasteland“ von Judith und Christian Vogt. Das Ganze spielt allerdings in der Zukunft. Will man gesprochene Sprache von heute in einem Roman realistisch wiedergeben, dann kann man natürlich nicht sinnvoll gendern. Doch beim Schreiben gilt ja ohnehin, so konkret wie möglich zu sein. Da darf dann aus einer Gruppe von Lehrer*innen ruhig ein Mann und zwei Frauen werden – sofern man das eindeutig sagen kann.

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