Mütter, Wissenschaft, Wissenschaftsethik

Frauen in der Forschung

Am Ende dieser Woche werden wir die diesjährigen Nobelpreisträger kennen. Meistens sind diese: weiß, männlich und aus westlichen Industrienationen. Die Fachzeitschrift Nature nahm das gestern zum Anlass zu berichten, dass das Nobelpreiskommittee erstmals dazu aufrufen wird, bei der Nominierung von Kandidaten für 2019 Diversität stärker in den Blick zu nehmen. Denn zwei Drittel der Preise gehen in nur fünf von 195 Ländern: in die USA, nach England, Deutschland, Frankreich oder Schweden. Weit über 90 Prozent der Preisträger sind Männer. Nature kündigt seinen Bericht im Newsletter deshalb an mit: „Nobelpreiskommittee erinnert Nominierende daran, dass Frauen existieren“.

Zwar geht es bei dem Aufruf des Nobelpreiskommittees um Diversität in drei Kategorien: Geschlecht, Geographie und Thematik. Doch ich nehme die Nature’sche Interpretation der Nachrichtenlage mal zum Anlass, mich in diesem Blogartikel zu fragen, wie schlecht es denn aussieht für Frauen in der Wissenschaft. Denn während ich nicht beurteilen kann, wie es ist, Forschung in einem Land zu betreiben, das nicht unter den Top 5 der Nobelpreise rangiert, oder welchen Einfluss die Hautfarbe auf die Karrierechancen hat (nur zwei Prozent aller Nobelpreisträger sind schwarz), habe ich ja zumindest eine Insider-Perspektive auf die Gruppe der Frauen. Diese Perspektive ist wohlgemerkt eine persönliche und eine, die meilenweit weg ist von Nobelpreis-Aspirationen.

Die Fakten: Frauen sind in der Wissenschaft unterrepräsentiert

Laut UNESCO sind 29 Prozent aller Wissenschaftler weiblich. Anders als man vielleicht denken möchte, rangiert Deutschland mit 28 Prozent knapp unter dem globalen Mittelwert. Das erklärt zwar noch nicht, warum nur drei Prozent der Nobelpreisträger Frauen sind, aber es ordnet diese Zahl in den richtigen Kontext ein: Frauen sind in der Wissenschaft unterrepräsentiert – vor allem in den MINT-Disziplinen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) und Medizin. Das hat eine australische Studie gezeigt.

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Besonders groß ist danach die Ungleichheit in Informatik, Physik und Mathematik, etwas besser hingegen in der Hirnforschung, Medizin und Biologie. Dort, wo sowieso schon sehr wenige Frauen arbeiten, verbessert sich das Geschlechterverhältnis besonders langsam. In Physik, so schätzen die Autoren, wird es noch mehr als 250 Jahre dauern, bis Gleichheit hergestellt ist.

Die Gründe: Demografie, Stereotype, Familie

Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist Demografie: Wissenschaftler, die heute in leitenden Positionen sind, haben ihr Studium zu einer Zeit abgeschlossen, in der die Ungleichheit noch in der Bildung existierte. Das ist heute anders, unter den Hochschulabsolventen in Deutschland befinden sich etwa so viele Frauen wie Männer.

Andere Gründe könnten sein, dass Frauen weniger Durchsetzungsvermögen oder -willen haben, wenn es um Führungspositionen geht, oder dass vorherrschende Stereotype immer noch dazu führen, dass Männer in bestimmten Bereichen bevorzugt werden (zum Beispiel als Mentoren oder Betreuer oder bei eingeladenen Veröffentlichungen und Vorträgen).

Ein weiterer, aus meiner Perspektive der wichtigste, Grund ist, dass viele Frauen der Wissenschaft nach der Promotion den Rücken kehren. Denn während die Doktortitel in Deutschland zu 45 Prozent an Frauen gehen (2015-2017), scheiden viele von ihnen wenig später aus der Forschung aus. Warum das so ist, liegt auf der Hand: Die meisten promovieren mit Ende 20, Anfang 30. Für Frauen beginnt dann die biologische Uhr zu ticken. Wer sich eine Familie wünscht, muss irgendwann anfangen. Aber kann man Kind und Wissenschaftskarriere unter einen Hut bekommen?

Kind und Karriere in der Wissenschaft

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Jedes Jahr eine neue Veröffentlichung rausbringen, auf befristeten Verträgen um die Verlängerung bangen, zu Konferenzen um den Globus reisen: Besonders familienfreundlich klingt das nicht. Zellbiologie-Professorin Sandrine Etienne-Manneville sah sich nach der Geburt ihres ersten Kindes in genau dieser Situation. In einem Artikel für Nature Cell Biology beschreibt sie ihre damalige Wahrnehmung: „Elternsein und Wissenschaft sind Vollzeit-Jobs. Die Gedanken, die du dir um dein Kind machst, nehmen die Zeit ein, die du dafür bräuchtest, um über die jüngsten Publikationen nachzudenken; sich um es zu kümmern, wenn es krank ist, lässt dich deine Experimente vergessen […]. Mein Leben wurde zum Albtraum; nicht genug Zeit für mein Kind, nicht genug Zeit für meine Forschung, nicht genug Schlaf. Ich begann zu denken, dass Wissenschaft und Familie nicht zu vereinbaren sind.“

Ich kann Frau Etienne-Manneville sehr gut verstehen! Und das ist nicht nur eine Frage der äußeren Umstände oder der Verfügbarkeit von Zeit: Es ist auch eine Frage des Wollens. Anders als Frau Etienne-Manneville, die einen Monat nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder arbeiten ging, habe ich mir nach der Geburt meines Kindes ein gutes Jahr Elternzeit genommen. Jetzt arbeite ich in Teilzeit. Das ist mein Wunsch und mein Privileg! Ich bin einfach nicht bereit, die Zeit mit meiner Tochter für eine wissenschaftliche Karriere zu opfern. Und es kann schon sein, dass mir genau diese Einstellung bei meiner wissenschaftlichen Karriere in die Quere kommen wird.

Während es ziemlich unfair ist, wenn Stereotype eine Frau an der Forscherkarriere hindern, finde ich es OK, wenn man aufgrund einer bewussten, selbstbestimmten Entscheidung die wissenschaftliche Karriere hintanstellt. Wichtig ist doch: Hat man als Frau und Mutter in der Wissenschaft faire Chancen?

Die Lösung: Chancen suchen und wahrnehmen

Der größte Geldgeber der Forschung in Deutschland, die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), bietet verschiedene Möglichkeiten an, wie Forschungsprojekte trotz Mutterschutz, Elternzeit oder Teilzeitarbeit weiterlaufen können. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) rief 2008 ein eigenes Professorinnenprogramm ins Leben, um Hochschulen zu ermutigen, ein Gleichstellungskonzept zu erstellen und dort Stellen zu schaffen, die mit Professorinnen besetzt werden. Das „For Women in Science“ (FWIS)-Förderprogramm der UNESCO zusammen mit L’Oreal und der Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung unterstützt mit einem Stipendium von 20.000 Euro pro Jahr gezielt Wissenschaftlerinnen mit Kindern und die Einrichtungen, an denen sie arbeiten.

Auch an der Uni Bremen sind mir solcherlei Programme aufgefallen. Das beginnt bei den Ausschreibungen der Zentralen Forschungsförderung für Postdocs, wobei mindestens 50 Prozent der verfügbaren Stellen an Frauen vergeben werden – und das ist doch schon irgendwie ein Wettbewerbsvorteil. Außerdem bietet die Stelle für Chancengleichheit gleich zwei Coaching-Programme an, die Frauen auf dem Weg zur Professur unterstützen sollen.

Auch wenn diese Beispiele noch kein Beweis für Chancengleichheit sind, zeigen sie doch, dass es viele Möglichkeiten gibt, die man wahrnehmen kann und sollte, wenn man an einer wissenschaftlichen Karriere ernsthaft interessiert ist. Ich denke, dann stehen die Chancen sehr gut, die männerdominierte Forschungslandschaft auch in den MINT-Disziplinen etwas aufzumischen.

Frau Etienne-Manneville, Professorin und Institutsleitung, hat übrigens mittlerweile vier Kinder, zwei davon hat sie als Postdoc, zwei als Gruppenleitung bekommen. Das Muttersein hat sie dazu gebracht, ihren Blickwinkel auf die Wissenschaft zu verändern: „Elternsein zwingt dich Bereiche zu trennen, zu organisieren und mit dem Forschen aufzuhören, wenn du nach Hause gehst, wo du dich vollkommen auf dein Kind konzentrierst. Dann ist vielleicht weniger Zeit für wissenschaftliche Ziele, aber der verschobene Fokus wirft ein anderes Licht auf den Stress und die Konkurrenz in der Wissenschaft.“ Und das ist mit Sicherheit eine sehr gesunde Perspektive.

(Die Zitate von Frau Etienne-Manneville sind aus dem Englischen übersetzt; benutzte Bilder sind alle gemeinfrei (CC0), von Pixabay.com)

 

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