Wissenschaft, Wissenschaftsethik, Wissenschaftskommunikation

Autorschaft in der Forschung

Tausende Wissenschaftler veröffentlichen alle fünf Tage einen Fachartikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Das hat eine Gruppe amerikanischer Forscher herausgefunden. Ihre Studie ist kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature erschienen. Bei den meisten jungen Wissenschaftlern dürfte diese Zahl nur Kopfschütteln hervorrufen: Wie soll das bitte gehen? Eigentlich sollte die Reaktion aller anderen Wissenschaftler genauso ausfallen. Wieso, möchte ich in meinem heutigen Blogbeitrag erklären.

Vom Experiment zur Veröffentlichung

laboratory-2815641_1920Als Wissenschaftler versuchen wir, Dinge über die Welt herauszufinden. Die Ergebnisse der Wissenschaft sind – philosophisch gesprochen – wahre, gut begründete Überzeugungen. Um zu diesen Überzeugungen zu gelangen, denken wir nach, führen Experimente durch, sammeln und analysieren Daten. Danach müssen wir unsere Erkenntnisse in den Kontext bereits vorhandenen Wissens stellen und gute Argumente finden, warum wir sie für wahr und vertrauenswürdig halten. All das braucht Zeit.

Am Schluss schreiben wir die Schritte dieses Prozesses auf, sodass andere ihn nachvollziehen können, und wir suchen uns eine Fachzeitschrift, von der wir hoffen, dass sie unseren Text veröffentlicht – nach einem festgelegten Begutachtungsverfahren, das dazu dient, unsere Forschung auf Stichhaltigkeit zu prüfen.

Damit wollen wir einerseits erreichen, dass andere Zugriff auf unsere Forschungsergebnisse erhalten. Andererseits versprechen wir uns von einer Veröffentlichung auch Anerkennung. Und leider sieht die Realität so aus, dass die Anerkennung unter den Forscherkollegen mit der Zahl (und nicht der Qualität) der Veröffentlichungen steigt.

Zahl der Veröffentlichungen zählt, nicht ihre Qualität

Warum ist das so? Weil kein Mensch die Zeit hat, all die Fachartikel, die jeden Tag erscheinen, zu lesen. Laut UNESCO Science Report erscheinen im Jahr über eine Million Fachartikel – also über 3000 pro Tag. Und ihre Zahl steigt ständig an: Zwischen 2008 und 2014 um 23 Prozent. Wer soll das lesen?

library-869061_1920

Da also keiner mehr Zeit hat, die Qualität der Forschung zu bestimmen, wird die Reputation eines Wissenschaftlers vermehrt an der nackten Zahl seiner Veröffentlichungen festgemacht (oder anhand eines berechneten Index, in den auch eingeht, wie oft eine Veröffentlichung zitiert wird oder in welcher Zeitschrift sie erschienen ist). Leider entscheidet auch bei der Begutachtung von Projektanträgen die Zahl der Veröffentlichungen mit darüber, ob ein Antrag durchgeht oder nicht. Deswegen ist es für Wissenschaftler quasi lebensnotwendig, möglichst viele Fachartikel zu veröffentlichen. Darunter leidet einerseits deren Qualität – denn Forschungsergebnisse werden künstlich aufgesplittet, um mehr Veröffentlichungen zu erzielen. Andererseits führt es dazu, dass jeder immer auf jedem Artikel Mitautor sein möchte – selbst wenn er nur ganz wenig oder auch nichts zu dem Artikel oder der dahinterstehenden Forschung beigetragen hat. Die meisten Wissenschaftler haben nach meiner Wahrnehmung keine Hemmungen, Autorschaft auch für den geringfügigsten Beitrag zu einer Studie mit größter Selbstverständlichkeit einzufordern. Die andere Seite der Medaille ist, dass manche Wissenschaftler namhafte Kollegen als Mitautoren einladen, nur um die Chancen einer Veröffentlichung zu erhöhen („Ehrenautorschaft“).

Warum ist dieses Streben nach mehr und mehr Veröffentlichungen ein Problem? Nicht nur, weil sich die Veröffentlichungspraxis selbst ad absurdum führt: Man muss eigentlich annehmen, dass man etwas veröffentlicht, das keiner lesen wird. Aber es ist auch ein Problem, weil so die Bedeutung von Autorschaft verloren geht. Denn was heißt es eigentlich, Autor einer Veröffentlichung zu sein? Und warum ist es wichtig, dass das klar ist?

Wege zu mehr Transparenz

Im Allgemeinen erkennen die meisten Forschungsinstitutionen an, dass Wissenschaftler vier Kriterien erfüllen müssen, um sich gerechtfertigterweise Autor einer Veröffentlichung zu nennen. Diese sogenannten „Vancouver-Kriterien“ hat das International Committee of Medical Journal Editors formuliert. Autoren müssen

  • einen wesentlichen Beitrag geleistet haben zur Planung oder Ausführung der Studie oder zur Datenanalyse und -interpretation,
  • den Artikel mit verfasst oder genau überarbeitet haben,
  • der Veröffentlichung zugestimmt haben,
  • Verantwortung für den Inhalt der Studie übernehmen und über sie Rechenschaft ablegen.

Das Entscheidende: Autoren müssen alle vier Kriterien erfüllen, und nicht nur eines davon. Tatsächlich ergab die oben genannte Nature-Studie, dass die wenigsten Autoren, die so schrecklich viele Artikel veröffentlichen, auch behaupten, alle vier Vancouver-Kriterien zu erfüllen.

Natürlich sind die Vancouver-Kriterien nicht der Weisheit letzter Schluss. Als Mitautor kann ich vielleicht wirklich nicht jedes Detail der Arbeit, die ein anderer Mitautor in die Studie gesteckt hat, kennen. Und wer entscheidet, ob ein Beitrag zu einer Studie wesentlich ist oder nicht? Es gibt hier sicher viele Dinge zu klären. Ein Ansatz, Autorschaft transparenter zu machen, ist der, von den Forschern eine Erklärung einzufordern, wer welchen Beitrag zur Studie geleistet hat.write-593333_1920 Einige Zeitschriften, zum Beispiel die der Copernicus-Gruppe, in der auch ich meine meisten Studien veröffentlicht habe, machen das neuerdings. Das führt allerdings dazu, dass Autoren, die nur einen geringfügigen Beitrag geleistet haben, mit dem Satz zusammengefasst werden: „Alle Autoren haben zur Diskussion der Ergebnisse beigetragen.“ Es löst also das Problem der ungerechtfertigt eingeforderten Autorschaft nicht. Trotzdem kann man so einfacher einschätzen, was und wie viel jemand zu einer Studie beigetragen hat. Es ist also ein Schritt zu mehr Transparenz.

Vielleicht liegt die Lösung aber auch auf der anderen Seite des Problems: Gutachter und Personalchefs messen die Fähigkeiten oder Eignung eines Wissenschaftlers immer noch an der Zahl seiner Veröffentlichungen. Sie brauchen mehr Zeit, um auch die Qualität der Forschung in Augenschein nehmen zu können. Gleichzeitig sollten Betreuer ihre Doktoranden oder Masterstudenten frühzeitig aufklären über die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis, die auch Richtlinien zum Thema Autorschaft enthalten. Und vor allem sollten sie diese Praxis auch vorleben, statt schweigend vorauszusetzen, dass jeder Mitautor sein darf, der möchte oder dessen Name gut aussieht. Diese Veränderung ist eine, die von den erfahrenen Wissenschaftlern ausgehen muss, denn welcher Doktorand will sich schon auflehnen gegen die, von denen seine Karriere abhängt?

(Benutzte Bilder sind alle gemeinfrei (CC0), von Pixabay)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s